Zyklusbewusstsein
Tamara Lenherr, 14.02. 2025 / überarbeitet 06.03. 2026
Im Einklang mit dem eigenen Rhythmus leben
Die Natur ist zyklisch.
Wir sehen es in den Jahreszeiten.
Im Wechsel von Tag und Nacht.
In Ebbe und Flut.
Alles bewegt sich in Rhythmen.
Auch wir Menschen sind Teil dieser natürlichen Zyklen – selbst wenn unser moderner Alltag das manchmal fast vergessen lässt.
Besonders deutlich zeigt sich das im weiblichen Körper. Unser Menstruationszyklus folgt einem natürlichen Rhythmus aus verschiedenen Energiephasen: Zeiten von Aufbau und Aktivität, aber auch Zeiten von Rückzug, Integration und Regeneration.
Wenn wir beginnen, diesen Rhythmus wahrzunehmen und zu verstehen, kann sich unser Blick auf Energie, Gesundheit und auch auf unsere Yogapraxis verändern.
Genau darum geht es beim Zyklusbewusstsein.
Zyklusbewusstsein dient allen Menschen
Die Natur folgt ihrem eigenen Rhythmus und Wechselspiel. Phasen des Entstehens, des Wachsens und des Früchte-Tragens wechseln sich ab mit Phasen des Loslassens und Vergehens.
Aufbau und Abbau.
Fülle und Reduktion.
Bewegung nach aussen und Bewegung nach innen.
Verteilen und Bewahren.
Geben und Zurücknehmen.
All das gehört zum natürlichen Ganzen.
Viele Prozesse in der Natur folgen diesem Wechselspiel von Aktivität und Ruhe, von Aufbau und Rückzug.
Auch unser Körper kennt diesen Rhythmus.
Wenn wir beginnen, diese Rhythmen wieder bewusster wahrzunehmen und zu achten, kann sich unser Umgang mit Energie und Kraft verändern.
Unsere Ansprüche sind oft linear und gleichbleibend hoch
Wenn ich mich umschaue, sehe ich viele Ansprüche, die wir – oder auch unsere Welt – an uns stellen. Und diese Ansprüche sind oft erstaunlich linear.
Rund um die Uhr Tempo. Leistung. Hochbetrieb.
Im Beruf genauso wie in Familie und Freizeit.
Unser Alltag ist selten darauf ausgerichtet, dass Energie sich verändert. Dass es Phasen gibt, in denen wir kraftvoll und nach aussen orientiert sind – und andere, in denen unser System mehr Ruhe, Rückzug oder Integration braucht.
Stattdessen scheint oft zu gelten: jeden Tag gleich funktionieren.
Dahinter stehen häufig Glaubenssätze wie:
Nur wer viel tut, erhält auch viel
Ich bin erst wertvoll, wenn ich viel leiste
Oder auch das Tun als Ablenkung – als Möglichkeit, nicht zu fühlen.
Wohin das führen kann, wissen wir eigentlich alle:
Erschöpfung. Stresssymptome. Burnout-Themen.
Das Gefühl, nur noch zu funktionieren.
Anspannung und Druck auf verschiedenen Ebenen.
In jungen Jahren bemerken wir das oft weniger stark. Einfach deshalb, weil uns noch viel Energie zur Verfügung steht und unser Körper vieles leichter wegsteckt.
Doch wenn wir über längere Zeit nur einen Pol des Ganzen leben, wird das früher oder später spürbar.
“Unser Körper lebt nicht linear. Er lebt in Rhythmen.”
Wenn wir beginnen, diese Rhythmen wieder wahrzunehmen, verändert sich oft auch unser Umgang mit Energie, mit Leistung – und mit uns selbst.”
Es ist normal, nicht immer viel Energie zu haben
Anzuerkennen, dass es völlig normal und natürlich ist, nicht immer viel Energie zu haben – und auch nicht immer viel Energie haben zu wollen – ist ein wichtiger Schritt im Zusammenhang mit Zyklusbewusstsein, Gesundheit und Selbstfürsorge.
Wenn wir allen Phasen ihren Raum und ihren Wert zugestehen und wieder lernen, dem natürlichen Rhythmus zwischen den Polen zu folgen, finden wir vielleicht nicht nur einen ressourcenschonenden Umgang mit uns selbst. Sondern auch einen bewahrenden Umgang mit der Erde und ihren Ressourcen.
Durch unsere monatliche Menstruation und auch durch verschiedene Lebensphasen – etwa während einer Schwangerschaft, in der Perimenopause oder in der Zeit nach der Menopause – sind Frauen noch einmal stärker in zyklische Prozesse eingebunden.
Die Hormone befinden sich in einem ständigen Auf und Ab. Körper, Energie und Stimmung reagieren auf diese Veränderungen.
Wenn wir lernen, mit diesen verschiedenen Phasen zu gehen – anstatt sie zu ignorieren oder gegen sie anzukämpfen – können sich ihre Qualitäten und Geschenke zeigen.
Und wir erlauben uns, das Leben und uns selbst in all unseren Facetten anzunehmen.
Zyklusbewusstsein im Yoga
Das Bewusstsein für den weiblichen Zyklus findet erst allmählich seinen Weg in die Yogastudios.
Dabei wird oft vergessen, dass Hatha Yoga ursprünglich von Männern für Männer entwickelt wurde.
Der wichtigste Punkt für deine Yogapraxis während der Periode oder im Verlauf deines Zyklus ist deshalb nicht, starr einem bestimmten Programm zu folgen.
Viel wichtiger ist es, in dich hineinzuspüren und wahrzunehmen, was dir im jeweiligen Moment wirklich guttut.
Auch deine persönliche Körpergeschichte, dein Stresslevel, deine Alltagsanforderungen oder deine seelische Verfassung wirken auf deinen Zyklus.
Vielleicht nimmst du dich in den verschiedenen Phasen auch ganz anders wahr, als ich es hier beschrieben habe. Dann vertraue deiner eigenen Wahrnehmung und Intuition.
Veränderungen im Körper
Für deine Yogapraxis kann es hilfreich sein zu wissen, dass Stoffwechsel, Bindegewebe und Muskulatur hormonabhängig sind.
Der Muskeltonus verändert sich im Verlauf des Zyklus.
In der zweiten Zyklushälfte dominiert das Hormon Progesteron, das eher abbauend auf den Stoffwechsel wirkt. In dieser Zeit ist es schwieriger, Muskulatur aufzubauen.
Auch das Fasziengewebe reagiert auf diese hormonellen Veränderungen. Bänder und Beckenbodenmuskulatur werden weicher. Es kann dadurch schwieriger sein, Stabilität zu halten oder den Beckenboden differenziert anzusteuern.
Während der Menstruation wird zudem vermehrt das Hormon Relaxin ausgeschüttet. Es sorgt für eine weitere Entspannung und Erweichung der Bänder und Gelenke im Körper. Der Beckenboden darf in dieser Zeit besonders entlastet werden, und vorhandene Körpersymptome können sich verstärken.
Die inneren vier Jahreszeiten – der weibliche Zyklus
Der weibliche Menstruationszyklus wird durch verschiedene Hormone gesteuert und dauert im Durchschnitt etwa 28 Tage. Tatsächlich haben jedoch nur rund 13 % aller Frauen eine Zykluslänge von genau 28 Tagen.
Bei manchen dauert ein Zyklus etwa 23 Tage, bei anderen 35 Tage oder auch etwas länger. Und auch bei derselben Frau kann die Zykluslänge von Monat zu Monat variieren.
Unabhängig davon, wie viele Tage dein Zyklus umfasst, lässt er sich in vier Phasen unterteilen – ähnlich den vier Jahreszeiten oder auch den Mondphasen.
Ein Zyklus beginnt mit dem ersten Tag der Menstruation und endet am Tag vor der nächsten Blutung.
Menstruation – der innere Winter
Mit der Menstruation beginnt ein neuer Zyklus. Das Alte wird losgelassen und alles steht wieder auf Anfang.
Die Hormone befinden sich zu diesem Zeitpunkt auf ihrem Tiefststand. Gleichzeitig wird die Gebärmutterschleimhaut abgebaut und mit dem Menstruationsblut ausgeschieden.
Der Körper durchläuft einen natürlichen Reinigungsprozess.
Ähnlich wie im äusseren Winter darf diese Phase eine Zeit des Rückzugs und der Ruhe sein. Viele Frauen bevorzugen in dieser Zeit ein langsameres Tempo.
Das Geschenk dieser Phase liegt in ihrer Regenerationskraft, Tiefe und Weisheit.
Follikelphase – der innere Frühling
Nach der Menstruation beginnt die Aufbauphase.
Allmählich steigen das follikelstimulierende Hormon und das Östrogen wieder an. Die Eizellen beginnen zu reifen, und die Gebärmutter bereitet sich auf eine mögliche Schwangerschaft vor.
Diese Phase steht im Zeichen von Wachstum und Aufbau.
Langsam kehrt die Energie zurück, und viele Frauen fühlen sich in dieser Zeit besonders wohl in ihrem Körper.
Der innere Frühling kann uns mit Elan, Ideen, Kreativität und Aufnahmefähigkeit beschenken.
Eisprung – der innere Sommer
Rund um den Eisprung erreicht das Östrogen seinen höchsten Stand. Die reife Eizelle verlässt den Follikel und bewegt sich im Eileiter Richtung Gebärmutter.
Diese Phase entspricht dem inneren Sommer.
Viele Frauen erleben in dieser Zeit besonders viel Energie, Kontaktfreude und Selbstbewusstsein.
Lutealphase – der innere Herbst
Nach dem Eisprung beginnt die Lutealphase. Sie dauert bis zur nächsten Menstruation.
Der Körper richtet sich nun auf eine mögliche Schwangerschaft aus. Bleibt eine Befruchtung aus, sinkt der Hormonspiegel wieder und die Menstruation wird ausgelöst.
Wie im äusseren Herbst beginnt auch hier die Energie langsam wieder nach innen zu sinken.
Viele Frauen erleben diese Phase als sensibler oder emotionaler. Gleichzeitig trägt sie eine wichtige Qualität in sich: Klarheit.
Oft wird gerade in dieser Zeit besonders deutlich spürbar, wenn wir über unsere eigenen Ressourcen hinausgehen.
Den eigenen Rhythmus entdecken
Es kann sehr hilfreich sein, über eine gewisse Zeit ein Zyklustagebuch zu führen.
So kannst du dich selbst im Zyklischen und im Wiederkehrenden besser kennenlernen. Zusammenhänge werden klarer, und du kannst lernen, dich in den verschiedenen Phasen gezielter zu unterstützen.
Ein Leben im eigenen Rhythmus
Zyklusbewusstsein bedeutet nicht, jeden Tag perfekt nach dem eigenen Rhythmus zu leben.
Unser Alltag ist oft komplex, und nicht jede Phase lässt sich immer gleich gut berücksichtigen.
Doch schon das Wahrnehmen dieser inneren Rhythmen kann etwas verändern.
Vielleicht entsteht mehr Verständnis für dich selbst.
Mehr Achtsamkeit für deine Energie.
Mehr Vertrauen in die verschiedenen Phasen deines Körpers.
Und vielleicht darf sich daraus Schritt für Schritt ein Leben entwickeln, das sich etwas mehr im Einklang mit deinem eigenen Rhythmus bewegt.
Quellen, Literatur und weiterführende Links
Frauenkörper, Frauenweisheit – Christiane Northrup
Das Rückenheilbuch für Frauen – Lucia Schmidt
Yoga und Frauenzyklen – Christine Ranzinger
quittenduft.ch
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