Mantra-Meditation So-Ham / Ham-Sa
Hintergrundwissen
Im Yoga zählen bestimmte Silben und Klänge zu den sogenannten Bija-Mantras (Bija = „Samenkorn“). Sie gelten als Urklänge, deren Bedeutung weniger auf einer wörtlichen Übersetzung beruht als auf die unmittelbare Wirkung ihrer Klangschwingung auf Körper und Geist.
Das Sanskritwort Mantra setzt sich aus den Silben man (Geist, Bewusstsein) und tra (Werkzeug, Instrument oder das, was trägt) zusammen. Sinngemäss kann ein Mantra daher als „Werkzeug des Geistes“ oder als „das, was den Geist trägt“ verstanden werden.
In der Meditationspraxis dient ein Mantra als sanfter Anker für die Aufmerksamkeit. Durch die wiederholte Ausrichtung - oft auch lautlos - auf einen Klang, ein Wort oder eine Silbe darf der Geist allmählich ruhiger werden und sich von den ständigen Bewegungen des Denkens lösen. Mit der Zeit kann sich die Erfahrung wandeln: Anstatt das Mantra bewusst zu halten, entsteht manchmal das Gefühl, selbst vom Mantra getragen zu werden.
Die Silben So und Ham bilden gemeinsam das traditionelle Atemmantra So-Ham. Dabei wird So als der feine Klang der Einatmung und Ham als der feine Klang der Ausatmung verstanden. Zusammengenommen drückt das Mantra die Erkenntnis „Ich bin Das“ aus.
Das „Das“ steht für jene tiefere Dimension des Seins, die hinter allen Formen liegt. So’Ham ist wie eine Erinnerung daran, dass zwischen dem Atem, dem Leben und diesem grösseren Ganzen letztlich keine Trennung besteht.
So-Ham hat seine Wurzeln in den Upanishaden und wurde inbesondere in späteren tantrischen und Hatha-Yog-Traditionen weiterentwickelt. Die Upanishaden sind alte indische Weisheitstexte, die vor rund 2'500 bis 3'000 Jahren entstanden sind. Sie gehören zu den grundlegenden Schriften des Yoga und der indischen Philosophie und beschäftigen sich mit Fragen nach Bewusstsein, Identität und dem tieferen Sinn des Lebens.
So wie ich Mantra-Meditation kennen gelernt habe, kann sich darin auf natürliche Weise das entfalten, was Patanjali als Samyama beschreibt. Samyama bezeichnet das Zusammenspiel von Konzentration, Meditation und Einheitserfahrung. Es ist ein innerer Weg des Erinnerns: vom bewussten Lenken der Aufmerksamkeit hin zu einem Zustand, in dem sich das Gefühl von Getrenntheit allmählich auflöst und Verbundenheit erfahrbar werden kann.
Dazu gehören die letzen drei der acht Glieder des Yogawegs, die Patanjali in den Yoga Sutras beschreibt: Dharana, Dhyana und Samadhi. Dabei handelt es sich weniger um klar voneinander getrennte Stufen als um einen lebendigen Prozess, der sich vor- und zurück bewegt, sich vertieft und ineinandergreift.
Dharana (Konzentration)
Zu Beginn wird das Mantra noch bewusst gehalten. Die Aufmerksamkeit ruht auf dem Atem und den Silben So-Ham beziehungsweise Ham-Sa. Gedanken, Bilder oder Empfindungen tauchen immer wieder auf und lenken den Geist ab. Diese Momente sind kein Hindernis, sondern Teil der Praxis. Die Aufmerksamkeit wird geduldig und in liebevoller Haltung immer wieder zum Atem und zum Mantra zurückgeführt.
Dhyana (Meditation)
Mit zunehmender Ruhe verändert sich die Dynamik. Das aktive Halten tritt mehr und mehr in den Hintergrund, und das Mantra scheint sich gewissermassen selbst zu entfalten. Es entsteht ein Gefühl von Fliessen und Geschehenlassen. Gleichzeitig zeigt sich oft ein natürlicher Wechsel zwischen Momenten tiefer innerer Sammlung und Phasen, in denen Gedanken erneut auftauchen. Die Praxis besteht dann weniger im Bemühen als im wiederholten Loslassen und Zurückkehren.
Samadhi (Einheit / Sein)
Daraus können jene zeitlosen Momente offenbaren, in denen das Mantra und das Gefühl einer aktiv Meditierenden in den Hintergrund treten. Es bleibt ein offenes Gewahrsein, das nicht mehr auf ein bestimmtes Objekt gerichtet ist. Viele Yogatraditionen beschreiben solche Erfahrungen als Weite, Einssein und reines Sein. Für Augenblicke scheint die Grenze zwischen dem individuellen Selbst und dem grösseren Ganzen durchlässig zu werden, sodass eine tiefe Erfahrung von Einheit entstehen kann.
So wird die So-Ham- beziehungsweise Ham-Sa-Meditation zu einer Praxis des Erinnerns: an den natürlichen Atem, an die Gegenwärtigkeit des Augenblicks und an die Möglichkeit, hinter den wechselnden Bewegungen des Geistes jene Einheit zu erfahren, auf die das Mantra selbst verweist – „Ich bin Das.“